dreidim. Gegenstand des weltlichen Gebrauchs: Teekanne Bild vergrößernDieses Bild ist möglicherweise urheberrechtlich geschützt und darf nur mit ausdrücklicher Genehmigung verwendet werden.
Inv.-Nr.:
2012/68/0
Sammlungsbereich:
Judaica/Angewandte Kunst
Gattung:
dreidim. Gegenstand des weltlichen Gebrauchs

Haël-Werkstätten für künstlerische Keramik, Margarete Heymann-Loebenstein (später Marks) (1899 - 1990)

Teekanne

Marwitz bei Berlin laut Fabrikmarke 1932

Höhe:
16.5 cm
Durchmesser:
26 cm

D= breiteste Stelle mit Griff und Tülle

Signatur:
Auf dem Boden, in blau: Pinselmarke der Haël-Werkstätten; "N" und in Schreibschrift "Haël norma"

Die Kanne ruht auf einem niedrigen Standring und hat einen gedrückt bauchigen Körper mit leicht ausgestelltem Rand. Sie ist gelb glasiert. An einer Seite des Kannenkorpus befindet sich ein Ohrenhenkel. Auf der gegenüberliegenden Seite ist im unteren Drittel die Tülle angesetzt. Die Tülle hat eine runde Form und ist an ihrer Öffnung am äußersten Ende abgeschrägt. Im Inneren der Kanne befinden sich am Übergang zur Tülle kleine Sieblöcher. Die Kanne ist mit einem passenden, ebenfalls gelb glasierten Deckel verschließbar. Der Deckel ist glattwandig und hat in der Mitte der Oberseite einen weißen, zylinderförmigen Griff von circa 2 cm Höhe, der mit einem Knauf versehen ist.
Diese Kanne ist Teil der Serie "Haël norma", die ab 1932 ins Programm der "Haël-Werkstätten für künstlerische Keramik" aufgenommen wurde. Diese schlicht und preisgünstig gestaltete Gebrauchsgeschirrserie wird als eine Reaktion auf die allgemein veränderte wirtschaftliche Situation in der Weimarer Republik gedeutet. Beworben wurde die Serie von den Werkstätten in Prospekten als "erstes keramisches Serien-Service", das "handlich in der Gestalt, schön im Aussehen, haltbar im Gebrauch" sowie günstig sei. Durch die Erweiterung des vielfältigen Haël-Programms durch diese qualitativ hochwertige Serie, die eine schichtübergreifende Käuferklientel ansprach, gelang es dem Betrieb im Gegensatz zu anderen renommierten Keramik-Werkstätten trotz Einbußen auch während der Zeit der Wirtschaftskrise zu bestehen.
Die "Haël-Werkstätten" wurden 1923 von der Keramikerin Margarete Heymann-Loebenstein gemeinsam mit ihrem Ehemann Gustav Loebenstein und dessen Bruder in einer alten Ofenfabrik bei Berlin gegründet. Der Name Haël setzte sich aus "H" für Heymann, dem Mädchennamen der Keramikerin, und "L" für Loebenstein zusammen. Grete Loebenstein oblag die künstlerische Leitung des Betriebs. Nachdem ihr Ehemann und ihr Bruder bei einem tragischen Autounfall ums Leben kamen, übernahm sie die gesamte Leitung des Betriebs. Moderne Formen, abstrakte Dekors und ungewöhnliche Glasuren waren das Markenzeichen von Grete Loebenstein.
Nach 1933 musste sie, doppelt als Jüdin und moderne Künstlerin von den Nationalsozialisten diffamiert, die Produktion ihres Betriebs einstellen. Im Jahr 1934 wurden die Haël-Werkstätten arisiert, zwei Jahre darauf gelang der Keramikerin die Emigration nach England. In England setzte sie ihre künstlerische Tätigkeit fort. Nachdem die verwitwete Künstlerin 1938 erneut heiratete, nahm sie den Namen "Marks" an. Sie starb im Jahr 1990 in London.
Nach der Arisierung der Haël-Werkstätten bot die neue künstlerische Leiterin Hedwig Bollhagen das Service "Norma" in Teilen unter ihrem Namen an.

Literatur- und Abbildungsnachweis:
Zur Serie "Norma": Bröhan Museum (Hg.): Avantgarde für den Alltag. Jüdische Keramikerinnen in Deutschland 1919-1933, Berlin 2013, v.a. S. 74-75. Ofen- und Keramikmuseum Velten (Hg.): Haël-Keramik - wenig bekannt, aber bei Sammlern hoch geschätzt. Haël-Werkstätten für künstlerische Keramik Marwitz, Velten 2006, v.a. S. 10. Theis, Heinz-Joachim/Weber, Klaus: Markenverzeichnis, in: Bauhaus Archiv (Hg.): Keramik und Bauhaus, Ausst.Kat., Berlin 1989, S. 269-278. Zur Keramikerin Margarete Heymann-Loebenstein-Marks: Grosskopf, Anna: Lebenswege - Margarete Heymann-Marks (1899-1990), in: Avantgarde für den Alltag. Jüdische Keramikerinnen in Deutschland 1919-1933, Ausst.Kat. Bröhan-Museum, Berlin 2012, S. 50-77. Hudson-Wiedemann, Ursula: Von den Hael-Werkstätten zur Greta Pottery. Die Keramikerin Grete Heymann-Loebenstein-Marks im britischen Exil, in: Hudson-Wiedemann, Ursula/Schmeichel-Falkenberg, Beate (Hg.): Grenzen überschreiten. Frauen, Kunst und Exil, Würzburg 2005, S. 53-75.
Schlagwort Inhalt/Geographie:
Marwitz
Schlagwort Kontext:
JMB-Thema: Jüdische Künstler und Firmen im Bereich der Angewandten Kunst; Kunstgewerbe; Keramikindustrie; Unternehmensgeschichte; berufstätige Frau
Schlagwort Objektart:
Kanne; Essgeschirr

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