2006_74_50.001 und 2006_74_50.002a
2006/74/50/001
Judaica/Angewandte Kunst
Steingut, glasiert
Marwitz 1923 - 1933
12,5 × 19,2 x 11,9 cm
Auf der Unterseite, in blau: Pinselmarke der Haël-Werkstätten
Haël-Werkstätten, Verkaufskatalog, um 1930, Nr. 384 (Abb.); Krüger, Maren: "Achtung Zerbrechlich!", in: Museumsjournal "Zwei", Nr.7, 2008 (Abb.); Krüger, Maren: Keramik, in: Jüdisches Museum Berlin (Hg.): gesammelt gefaltet gezählt, Heft "7 x blau-weiß", Berlin 2009 (Abb.); Patrick Rössler, Elizabeth Otto, Frauen am Bauhaus, Wegweisenden Künstlerinnen der Moderne, Knesebeck 2019, S. 41.
Schenkung von Frances Marks
Auf hohem, konischem Fuß mit runder Standfläche folgt der sich ebenfalls konisch erweiternde, runde Hauptkorpus. Ein massiver, geschwungener, runder Henkel setzt unten am Fuss an und ist oben mit der Kanne durch eine kleines Querelement verbunden. Die Tülle ist leicht geschwungen und schmal. Oben wird die Kanne mit einem flach eingelegten Deckel mit rundem Knauf geschlossen. Die Teekanne ist mit einer matten türkis-grünen Glasur versehen (Dekor Nr. 27).

Dieses Teekannemodell wurde in den 1920er Jahren in den "Haël-Werkstätten für künstlerische Keramik" hergestellt. Es wurde von den Nationalsozialisten explizit auf Grund seiner modernen Formensprache angegriffen. Das nationalsozialistische Propagandablatt "Der Angriff" druckte 1935 eine Abbildung dieser Teekanne und weiterer Erzeugnisse der "Haël-Werkstätten" ab und bezeichnete sie als "Dinge für die Schreckenskammer".

Die "Haël-Werkstätten" wurden 1923 von der Keramikerin Margarete Heymann-Loebenstein gemeinsam mit ihrem Ehemann Gustav Loebenstein und dessen Bruder in einer alten Ofenfabrik bei Berlin gegründet. Der Name Haël setzte sich aus "H" für Heymann, dem Mädchennamen der Keramikerin, und "L" für Loebenstein zusammen. Margarete Heymann-Loebenstein oblag die künstlerische Leitung des Betriebs. Nachdem ihr Ehemann und dessen Bruder bei einem Autounfall ums Leben kamen, übernahm sie die gesamte Leitung des Betriebs. Moderne Formen, abstrakte Dekors und ungewöhnliche Glasuren waren das Markenzeichen der "Haël-Werkstätten".

Nach 1933 musste Margarete Heymann-Loebenstein, die doppelt als Jüdin und moderne Künstlerin von den Nationalsozialisten diffamiert wurde, die Produktion ihres Betriebs einstellen. Im Jahr 1934 wurden die Haël-Werkstätten arisiert, zwei Jahre darauf gelang der Keramikerin die Emigration nach England. In England setzte sie ihre künstlerische Tätigkeit fort, konnte jedoch nicht an ihre großen Erfolge in Deutschland anknüpfen. Nachdem die verwitwete Künstlerin 1938 erneut heiratete, nahm sie den Nachnamen "Marks" an.

1994 besuchte die Tochter von Grete Marks in Begleitung eines Freundes, der für sie übersetzte, Hedwig Bollhagen, die die künstlerische Leitung der Haël-Werkstätten nach deren Arisierung übernommen hatte. Ihnen wurden die Objekte gezeigt, die in dem diffamierenden Hetzartikel von 1935 abgebildet und angegriffen worden waren und diese wurden der Familie zurückgegeben. Dazu zählte auch diese Teekanne, die dem Jüdischen Museum Berlin 2006 von den Erben Grete Marks´ geschenkt wurde.

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