Abschiedsbrief von Anna Steinthal (1864-1943) an Elisabeth Kamerling, geb. Steinthal (1896-1981)

2015_804_56_0001
2015/804/56
Archiv
Postmitteilung
Papier
Bismark 21. November 1942
29,3 × 20,9 cm
Schenkung von Brigitte Schmitt
Handschriftlich

Das Dokument weist zwei Schreiben auf. Auf der Vorderseite findet sich zuoberst der Abschiedsbrief von Anna Steinthal, verfasst am 21.11.1942 in Klein Holzhausen (Bismark). Darunter folgt ein nicht datiertes Schreiben von Agathe Schippert, geb. Steinthal, das sich an eine ihrer Schwestern richtet.

Anna Steinthal war am 27.10.1942 von der Bezirksstelle Mitteldeutschland der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland informiert worden, dass ein auf den 13.11.1942 lautender Deportationsbescheid eingegangen sei. Am 07.11.1942 schrieb die Bezirksstelle, dass die Deportation auf den 16.11.1942 verschoben worden sei. Steinthal wurde schließlich am 25.11.1942 von Magdeburg aus in das KZ Theresienstadt deportiert. Sie starb dort am 28.02.1943.

Der Abschiedsbrief Steinthals richtet sich an ihre Tochter Elisabeth Kamerling, geb. Steinthal, in den Niederlanden.

Der von Agathe Schippert, geb. Steinthal, verfasste Zusatz richtet sich ebenfalls an Elisabeth Kamerling. Schippert beschreibt darin die letzten Stunden vor der Abreise Steinthals nach Magdeburg. Dem Schreiben nach wurde sie von ihrem Enkel, Friedrich (Frieder) Schippert und einer als Wiggert benannten Person (vermutlich ein Vertrauter der Familie) dorthin gebracht.

Einem Schreiben des Landrats von Osterburg vom 28.10.1942 nach, war von den Behörden ursprünglich vorgesehen worden, dass Anna Steinthal von einem Meister der Gendarmerie, Bierwirth, nach Magdeburg gebracht werden sollte.

Das Schreiben Agathe Schipperts endet mit einem eindringlichen Appell an ihre Schwester: "Schreibe mir jede Woche u. wenn es nur 2 Sätze sind. Die Verlassenheit ist zu gross für uns 3 Schwestern und für den Sohn, den Bude."

Agathe Schippert überlebte den NS und starb 1958 in Leonberg. Ihre Schwester Elisabeth Kamerling überlebte im Untergrund im niederländischen Epe und starb 1981 in Den Haag. Die dritte Schwester, Maria Sintenis, verw. von Bodecker, geb. Steinthal, überlebte die Deutschen, aber wurde wahrscheinlich von Soldaten der vorrückenden Roten Armee in ihrem Wohnort Ottenburg in Ostpreußen (heute: Wólka) in einem Racheakt erschossen. Das Todesdatum wurde später für den 31.01.1945 festgelegt. Unter welchen genauen Umständen sie und ihre Familie zu Tode kamen, ist nie ganz geklärt worden. Agathe Schipperts Sohn Friedrich wurde zur Organisation Todt eingezogen, wegen regimekritischer Aussagen denunziert und 1944 im Kloster Ibrach (Franken) inhaftiert. Er überlebte, emigrierte 1949 in die USA, erhielt dort die Staatsbürgerschaft und starb 2002 in Berlin.

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