Brief von Julius Meyer (geb. 1888) an Vera Ansbach geb. Meyer (1920-2020)

2014/63/278
Archiv
Postmitteilung
Papier
Ziegenhain (Schwalmstadt) 6. Mai 1947
30 × 21,1 cm
Schenkung von Vera Ansbach, geb. Meyer
Maschinenschriftlich, handschriftlich.

Brief von Julius Meyer an seine Tochter Vera Ansbach, geb. Meyer vom 06.05.1947. Meyer berichtet von seiner Flucht nach Prag, seiner Verschleppung ins KZ Theresienstadt, der Befreiung des Lagers und der anschließenden Flucht vor dem "Deutschenhass" der Tschechen in die amerikanische Besatzungszone. Dort sei er von der UNRRA auf Grund seiner Englischkenntnisse angestellt und zum "Welfare officer" ausgebildet worden. Trotz eines "verlockenden Angebots" aus Berlin, hätten er und seine Frau Elsbeth sich zur Emigration in die USA entschlossen. Den Deutschen traue er nicht mehr, sie hätten sich "dank der guten Goebbelspropaganda zu einem ekelhaften Pack entwickelt". An ihn gerichtete Sympathiebekundungen durch Deutsche könne er nur als Opportunismus verstehen, "sie brauchen halt heute den Juden für ihre Zwecke". Überhaupt sei er überzeugt, dass der Frieden in Europa nicht lange halten werde. "[Um] wenigstens den letzten Rest unseres Lebens verhältnismäßig risikolos und ruhig zu verbingen", habe man sich zur Auswanderung in die USA entschieden.

Julius Meyer hatte sich bereits Ende der 1920er von Vera Ansbachs Mutter Malka Meyer geschieden. Diese war 1933 nach Lettland emigriert. Sie und ihr Sohn Hanns-Günther, der Bruder Veras, wurden 1942 im Ghetto Riga ermordet. Ansbach war 1939 nach Großbritannien emigriert, wo sie ihren späteren Ehemann Herbert Ansbach kennenlernte. Sie remigrierte 1946, wurde in Ost-Berlin Lehrerin und war später stellvertretende Direktorin der Deutsche Handelsbank AG der DDR. Mit ihrem Vater hatte sie während der Emigrationszeit, aber auch schon davor, wenig bzw. keinen Kontakt, da sie seine neuerliche Eheschließung offenbar ablehnte.

Wissen Sie mehr zu diesem Objekt?
Haben Sie vielleicht einen Fehler gefunden?

Schreiben Sie uns:

Nach oben springen