Übergang übers Rote Meer (Pharaos Untergang)
Jakob Steinhardt geb. Zerkow/Provinz Posen 1887 gest. Naharia 1968
GEM 94/6/0
Öl auf Leinwand
Berlin 1911
87 x 111,5 x 6,3 cm, 16 kg
Rahmenmaße: 87 x 111,5 x 5,3 cm
Gemäldemaß: 72,4 x 97,2 x 2,1 cm
u.r.: J St 1911
Verso: Beschriftung auf dem Keilrahmen: oben: 4. on (mit Bleistift), kl. Schild mit hebr. Schrift u. der Nr. 62 11 82; 97 (und durchgestrichene Ziffer mit Bleistift); längliches überklebtes Schild mit unlesbarer Beschriftung; unten: 3. (mit schwarzer Farbe übermalt) / 1911. (eine schwarze übermalte Fläche) Pharaos Untergang; seitl.: rotes kl. Schild: 270; daneben, Bleistift: 72
Originalrahmen
Jakob Steinhardt: Der Prophet. Ausstellungs- und Bestandskatalog, Stiftung Stadtmuseum Berlin, 1995, Nr. 1 (Abb. S. 28);
Ma'anit, Gabriel (Hg.): Jakob and Israel. Homeland and Identity in the Work of Jakob Steinhardt, Kat. The Open Museum, Tefen 1998;
Lier, Suzanne: Reise durch das Alte Testament. Die Fünf Bücher des Moses. Ein Lesebuch für die Familie mit Bildern der Kunst. Verlag Bibel & Kunst, Rhöndorf 2013, S. 275;
Ankauf aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin
Am linken und rechten Bildrand bewegen sich Menschen vor den im Hintergrund der von beiden Seiten in die Mitte zusammenfallenden Wassermassen. Auf der linken Seite wenden Menschen sich nach der Bildmitte zurück. Während auf der rechten Seite die Wirbel der Wellen in einer spiralförmigen Bewegung geführt sind, die die Israeliten in die Freiheit führen.
Das Gemälde von Jakob Steinhardt nimmt auf die Geschichte vom Auszug aus Ägypten Bezug. Als die Israeliten das Ufer des Roten Meeres erreichten, teilte sich vor ihnen das Wasser und sie konnten trockenen Fußes hindurch ziehen. Der Pharao und sein Heer folgten ihnen, doch das Meer strömte zurück, und die Ägypter ertranken.
Wie andere jüdische Künstler seiner Zeit war Jakob Steinhardt von den Geschichten der Bibel fasziniert. Vor allem die Erzählungen von Katastrophen und Propheten entsprachen der Stimmung vor dem Ersten Weltkrieg, als Steinhardt mit Ludwig Meidner und Richard Janthur die Künstlergruppe „Die Pathetiker“ gründet hatte.
Auf deren – einziger – Austellung, im November 1912 in Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm“ zeigte Steinhardt den „Übergang übers Rote Meer“ zusammen mit heute verschollenen Gemälden, wie „Untergang“, „Anden Wassern Babels“, Jeremias“ und „Lots Flucht“. Sie provozierten den Kunstkritiker Kurt Hiller zu einer zwiespältigen Kritik in der Zeitschrift „Die Aktion“:
„Steinhardt bereits nötigt Respekt ab. In seines Wollens Zentrum steht die Idee, nicht das Deskribieren. Zionist, malt er mit ernster Liebe und mit tristen Farben altisraelitische Stoffe. Er malt, in graugelben, steinigen, jeremiadischen Tönen, hagere, gedrückte, senile, eilige, verhärmte Menschen, deren zu lange Rümpfe eine unsinnliche Brust quält. Zwischendurch gibt er Gespenstisch-Aufleuchtendes: ein Blau, ein Gelbrot, ein Russischgrün, das zwischen Todbraunem, unheimlich, doch befreiend phosphoresziert; (ich denke an das Bild „Lots Flucht“, mit dem flammenden, aber artikulierten Sodom oben) Steinhardt ist ein Gemenge aus … (nicht „Einflüsse“ seien hier festgestellt, sondern Verwandtschaften) aus Greco, Daumier und Lesser Ury; zweifellos verdient er mehr Beachtung und Achtung als, zum Beispiel, der tumultarische Klexer Beckmann. G e g e n ihn ließe sich vorbringen, nicht, daß seine Bilder auf den ersten Anblick wie Gekröse wirken; aber: daß der wahre Volljude schwerlich jüdisch im Sujet, vielmehr jüdisch in der Modalität sei; kaum Biblisches, Bildungshaftes, vergangene Angelegenheiten, eher mit jüdischem Geist (ich meine: mit Geist) Heutiges malen wird. Ein knall-israelitisches Wesen im Königreich Preußen (1912) sieht nicht aus wie ein naiv nationaler Reminiszenzenfeierer, sondern intellektuell, zukünftig und zerrissen. Ich erinnere mich einer These des Jacob van Hoddis: 'Der Zionismus ist die hysterische Form der Assimilation.' " (Kurt Hiller: Ausstellung der Pathetiker, in: Die Aktion, 2.Jg, Nr.48, 27 November 1912, Sp.1514-1516).
Steinhardt erinnerte sich später: „Was wollten die Pathetiker? Sie wollten den Bildern Inhalte geben, große, erregende Inhalte. Sie wollten eine Kunst schaffen, die Volk und Menschheit packen und nicht nur den ästhetischen Bedürfnissen einer kleinen Schicht dienen sollte.“
(Inka Bertz)
Das Gemälde von Jakob Steinhardt nimmt auf die Geschichte vom Auszug aus Ägypten Bezug. Als die Israeliten das Ufer des Roten Meeres erreichten, teilte sich vor ihnen das Wasser und sie konnten trockenen Fußes hindurch ziehen. Der Pharao und sein Heer folgten ihnen, doch das Meer strömte zurück, und die Ägypter ertranken.
Wie andere jüdische Künstler seiner Zeit war Jakob Steinhardt von den Geschichten der Bibel fasziniert. Vor allem die Erzählungen von Katastrophen und Propheten entsprachen der Stimmung vor dem Ersten Weltkrieg, als Steinhardt mit Ludwig Meidner und Richard Janthur die Künstlergruppe „Die Pathetiker“ gründet hatte.
Auf deren – einziger – Austellung, im November 1912 in Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm“ zeigte Steinhardt den „Übergang übers Rote Meer“ zusammen mit heute verschollenen Gemälden, wie „Untergang“, „Anden Wassern Babels“, Jeremias“ und „Lots Flucht“. Sie provozierten den Kunstkritiker Kurt Hiller zu einer zwiespältigen Kritik in der Zeitschrift „Die Aktion“:
„Steinhardt bereits nötigt Respekt ab. In seines Wollens Zentrum steht die Idee, nicht das Deskribieren. Zionist, malt er mit ernster Liebe und mit tristen Farben altisraelitische Stoffe. Er malt, in graugelben, steinigen, jeremiadischen Tönen, hagere, gedrückte, senile, eilige, verhärmte Menschen, deren zu lange Rümpfe eine unsinnliche Brust quält. Zwischendurch gibt er Gespenstisch-Aufleuchtendes: ein Blau, ein Gelbrot, ein Russischgrün, das zwischen Todbraunem, unheimlich, doch befreiend phosphoresziert; (ich denke an das Bild „Lots Flucht“, mit dem flammenden, aber artikulierten Sodom oben) Steinhardt ist ein Gemenge aus … (nicht „Einflüsse“ seien hier festgestellt, sondern Verwandtschaften) aus Greco, Daumier und Lesser Ury; zweifellos verdient er mehr Beachtung und Achtung als, zum Beispiel, der tumultarische Klexer Beckmann. G e g e n ihn ließe sich vorbringen, nicht, daß seine Bilder auf den ersten Anblick wie Gekröse wirken; aber: daß der wahre Volljude schwerlich jüdisch im Sujet, vielmehr jüdisch in der Modalität sei; kaum Biblisches, Bildungshaftes, vergangene Angelegenheiten, eher mit jüdischem Geist (ich meine: mit Geist) Heutiges malen wird. Ein knall-israelitisches Wesen im Königreich Preußen (1912) sieht nicht aus wie ein naiv nationaler Reminiszenzenfeierer, sondern intellektuell, zukünftig und zerrissen. Ich erinnere mich einer These des Jacob van Hoddis: 'Der Zionismus ist die hysterische Form der Assimilation.' " (Kurt Hiller: Ausstellung der Pathetiker, in: Die Aktion, 2.Jg, Nr.48, 27 November 1912, Sp.1514-1516).
Steinhardt erinnerte sich später: „Was wollten die Pathetiker? Sie wollten den Bildern Inhalte geben, große, erregende Inhalte. Sie wollten eine Kunst schaffen, die Volk und Menschheit packen und nicht nur den ästhetischen Bedürfnissen einer kleinen Schicht dienen sollte.“
(Inka Bertz)
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