GEM 96_5_0 Vorderseite gerahmt
GEM 96/5/0
Kunst
Gemälde
Öl auf Leinwand
Berlin 1850
96 × 126 cm, 35 kg Rahmenmaße: 126,5 × 151 × 11,5 cm
m.r. auf dem Flügel:"Julius Moser Berlin 1850"
KEILRAHMEN ohne Beschriftung LEINWAND ohne Beschriftung ZIERRAHMEN 1. Klebeschild - Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin Bild von Moser F36 2. zerissenes Klebeschild - nicht lesbar 3. Klebeschildfragment einer Spedition in Wilmersdorf
Stiftung Jüdisches Museum Berlin (Hg.): Geschichten einer Ausstellung. Zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte, Kat. Jüdisches Museum Berlin, Berlin: Proprietas-Verlag, 2. Auflage, 2002. Sabine Kößling: Juden in Berlin. Der Weg in die Moderne. In: Europas Juden im Mittelalter. Begleitmaterial zur Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. Hrsg. von Vogel / Bresky. Berlin 2005, S. 22-24. Bertz, Inka: Familienbilder. Selbstdarstellung im jüdischen Bürgertum. Ein Essay im Zusammenhang mit der Ausstellung "Stil-l-halten. Familienbilder im jüdischen Bürgertum", Kat. Stiftung Jüdisches Museum Berlin, Köln: DuMont 2004, S. 11, 13 - 16, 23. Inka Bertz: Stil-l-halten. Familienbilder im jüd. Bürgertum. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin. In: Vernissage Nord, 02/2004, S. 18-19. Inka Bertz: Im Schoss der Familie. In: Zwei Magazin des Jüdischen Museums Berlin, 2008, Nr. 7, S. 4-5. Bilderkarten zur Gegenwart und Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland, Deutsche UNESO-Kommission e.V. Juli 2021
Schenkung von Hermann und Mary Blaschko
Dieses Gemälde, das heute als ein typisches Familienporträt der Biedermeierzeit erscheint, begründete den Ruf des Malers Julius Moser als Porträtmaler in jüdischen bürgerlichen Kreisen. Links neben dem Hausherrn Moritz Manheimer (auch Mannheimer) hat er sich mit ins Bild gesetzt. Mit der dargestellten Familie verband ihn eine längere Freundschaft, denn schon 1832 hatte er Moritz Manheimer in einer Zeichnung porträtiert.
Moritz Manheimer (auch Mannheimer), geb. 1796 in Posen (gest. 1868), kam 1822 als Handelsgehilfe nach Berlin, wo er 1825 das Bürgerrecht erwarb und 1830 Therese Klemann (andere Schreibweise: Kleemann) (1804-1881) heiratete, deren Familie aus Prenzlau stammte. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Gemäldes betrieb er eine Firma für Getreidehandel und wohnte im Haus am Kupfergraben Nr. 5, gegenüber des damaligen Packhofs.
Das Ehepaar hatte sechs Kinder: Die älteste Tochter Babette (1831-1905, verh. Blaschko) spielt am Flügel eine Mazurka, wie auf dem Notenblatt zu lesen ist. Der jüngere Sohn Martin (1835-1899) führt seine Schwester Hulda (1833-1907, verh. Edler) zum Tanz, während die jüngere Clara (1841-1921, verh. Cohnreich) sich in ersten Tanzschritten versucht. Vom Sofa aus erklärt die Mutter der jüngsten Tochter Anna (1846-1915, verh. Pick) das Geschehen, während der älteste Sohn Carl (1831-1896) mit einem Zeichenbrett am Tisch sitzt und seine Schwester beim Klavier spielen skizziert. Durch ihr Porträt an der Zimmerwand im Hintergrund ist auch die Mutter des Hausherrn, deren Name nicht überliefert ist, mit in das Geschehen einbezogen. Das 1824 entstandene Gemälde des Posener Maler Josef Edward von Gillern wurde von der Tochter Anna Picks, Margarete Nehab, 1928 an die Nationalgalerie verkauft und befindet sich noch heute in deren Sammlung.
Durch nichts im Bild wird gezeigt, dass es sich hier um eine jüdische Familie handelt. Einzig das Kopftuch der Großmutter und ihr quer geknöpftes Oberkleid deuten auf ihre Herkunft aus der Provinz Posen hin und sind dort auch auf Porträts jüdischer Frauen zu finden.
In seiner Charakterisierung der Familie weicht Moser von dem üblichen statischen Schema ab und verbindet alle Beteiligten zu einer bewegten Szene, Alle Familienmitglieder beziehen sich mit Blicken und Gesten aufeinander. Während die Frauen durch Klavierspiel und Tanz gemeinschaftliche Aktivitäten entfalten, stehen der Hausherr, der Maler und der älteste Sohn etwas außerhalb dieses dichten Beziehungsgeflechts als Beobachter im Hintergrund. So trennt der breite, mit einer Damastdecke belegte Tisch auch die Rollen der Geschlechter innerhalb der Familie. Auch sind ihnen jeweils andere Künste zugewiesen: Der Sohn zeichnet, die Tochter spielt Klavier.
Das dem Maler durch seine langen Aufenthalte in Rom und Paris sicher vertraute klassische Thema vom Weltstreits der Künste wird hier in die private Sphäre übertragen, nur um es in ein harmonisches Ganzes zu fügen: Das Bild einer sowohl den Künsten wie auch sich untereinander eng verbundenen Familie. Nicht zuletzt zeigen auch die Gemälde an der Wand die Familie als Teil des neu entstandenen bürgerlichen Kunstpublikums.
Der schwere rote Vorhang im Hintergrund und die Zentralperspektive verleihen der Darstellung etwas Bühnenhaftes. Die Betrachter werden zum Publikum und nehmen Anteil an der Selbstdarstellung der Familie als glücklich, wohlhabend und den Künsten zugewandt. Das Gemälde zeigt exemplarisch jenes „Behagen an der Kultur“, von dem der Schriftsteller und Historiker des Biedermeier, Georg Hermann, sprach. So zeugt es auch vom „Judentum in einer latenten Form“, wie er es an anderer Stelle nannte, indem es die Werte und Haltungen zeigt, die für das deutsch-jüdische Bürgertum kennzeichnend waren. Stellvertretend für dessen Geschichte diente es als Bild auf dem Umschlag der historischen Überblicksdarstellungen von Marion Kaplan und Amos Elon.
Das Gemälde wurde vermutlich kurz nach seiner Entstehung auf der akademischen Kunstausstellung in Berlin gezeigt, nachdem Julius Moser von seinen Studienaufenthalten in Rom und Paris zurückgekehrt war. Der Schüler Wilhelm Hensels hatte das von Michael Beer zur Förderung jüdischer Maler und Bildhauer gestiftete Rom-Stipendium der Berliner Akademie der Künste gewonnen.
Es blieb in der Familie der ältesten Tochter Babette, die den Arzt Hermann Blaschko heiratete. 1936 war es auf der Ausstellung "Unsere Ahnen - Zeugen aus dem Biedermeier" zu sehen, einer der letzten Ausstellungen, die das Berliner Jüdische Museum in der Oranienburger Straße veranstalteten konnte. Der Enkel Babettes gab es 1986 als Dauerleihgabe und seine Witwe 1996 als Schenkung in die Sammlung des Jüdischen Museums.
(Inka Bertz)

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