Franz Oppenheimer (1864-1943) als Verbindungsstudent, vermutlich der Burschenschaft Hevellia
2000/298/22
Fotografie
Berlin ca. 1884
16,2 × 10,3 cm
Vorderseite bedruckt: "Oscar Roloff Hof-Photograph//Sr.Königl.Hoheit des regierenden Grossherzogs von//Mecklenburg Schwerin u.d.reg.Fürsten v.Schwarzburg-Rudolstadt.//Inhaber d.np.gold.Medaille für Kunst und Wissenschaft.
Walther Menke // Oskar Levy // FM! // ? // Leibbursch // Dr. Oppenheimer
Franz Oppenheimer. Erlebtes Erstrebtes Erreichtes. Lebenserinnerungen, hrsg. von L.Y. Oppenheimer, Düsseldorf 1964.
Volker Caspari, Klaus Lichtblau, "Franz Oppenheimer - Ökonom und Soziologe der ersten Stunde" Societäts Verlag 2014, S. 22
Claudia Willms, Franz Oppenheimer, Liberalter Sozialist, Zionist, Utopist, böhlau verlag 2018, S. 109
Schenkung von Renata Lenart
Atelieraufnahme von Franz Oppenheimer als Verbindungsstudent in der Mitte mit zwei Bundesbrüdern. Die drei Studenten sind die Chargierten ihrer Verbindung, in der Mitte ist Franz Oppenheimer zu sehen.
Oppenheimer begann sein Studium in Freiburg und wurde dort Mitglied der Burschenschaft Alemannia. Nach einigen Semestern ging er nach Berlin, um dort sein Studium fortzusetzen. Zunächst wurde er für ein Semester in der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung aktiv, die damals einen Gegenpol zum aufkommenden Antisemitismus in den Berliner Verbindungen darstellte. In seinen Erinnerungen schreibt Oppenheimer dazu: "...Ich war nämlich selbstverständlich der grollen Gegenorganisation beigetreten, die sich ihr Kriegslager und Hauptquartier an der Stechbahn geschaffen hatte, der „Freien wissenschaftlichen Vereinigung“. Sie bestand aus jungen Leuten, die sich noch in ehrlicher Überzeugung zu den Anschauungen des bürgerlichen Liberalismus bekannten; unter ihnen waren natürlicherweise zahlreiche Juden. Ich wurde fast sofort der Fechtwart der damals mehrere hundert Köpfe zählenden Vereinigung und trat als einer ihrer Redner zum ersten Mal auf die Tribüne. ..." Wenig später wurde er in der Burschenschaft Hevellia aktiv, wie er in den Erinnerungen berichtet: "Nach einem ziemlich wilden Semester in diesem großen Verbande [F.W.V.]], dem ein starker politischer Idealismus geradeso Schwung verlieh wie dem gegnerischen „V. d. St.“, wurde ich wieder aktiv, und zwar bei der dem Eisenacher Deputiertenkonvent angeschlossenen Burschenschaft Hevellia, die mit meiner Freiburger Couleur in intimen Verkehrsbeziehungen stand. " Vermutlich sehen wir also Oppenheimer auf diesem Foto als Chargierten der Hevellia. Oppenheimer war insgesamt drei Jahre bei der Hevellia, spürte aber ein zunehmendes Unwohlsein, das er mit seinem Dasein als Jude verknüpfte. In den Erinnerungen liest sich das so: "Wenn ich mich dem Zwange nicht früher entzog, so trägt auch hier wieder meine Eigenschaft als Jude die Hauptverantwortung. Es ist uns ja fast unmöglich gemacht, uns „natürlich“ zu benehmen. Wir sind ja gezwungen, alles zur Gipfelleistung zu treiben, sei es Wissenschaft, sei es Sport, sei es die Betonung der Psychologie und Haltung einer Gruppe, in die wir irgendwie hineingeraten sind. Wir müssen uns ja, ob wir dessen bewußt sind oder nicht (und zumeist sind wir uns dessen bewußt), immer wieder als echte Zugehörige „legitimieren“, während der Nichtjude bis zum Beweise des Gegenteils ohne weiteres als legitimiert gilt. " Nach einer Mensur, die ihm die "...Sinnlosigkeit, ja Widersinnigkeit" des Geschehens verdeutlichte, zog Franz Oppenheimer die Konsequenzen. Er ließ sich inaktivieren und konzentrierte sich auf sein Studium.
"Meine Burschenschaft aber bestätigte mein tiefinnerstes Gefühl, indem sie im ersten Konvent, an dem ich nicht teilnahm, den Judenparagraphen einführte. Ich schickte daraufhin selbstverständlich mein Band ein, und so endete diese Episode, wie sie enden mußte. ..."
Quelle:
Franz Oppenheimer: Erlebtes, Erstrebtes, Erreichtes Lebenserinnerungen. Hrsg. von Ludwig Yehuda Oppenheimer. 2. Aufl., Joseph Melzer, Düsseldorf 1964. S. 72 ff
Oppenheimer begann sein Studium in Freiburg und wurde dort Mitglied der Burschenschaft Alemannia. Nach einigen Semestern ging er nach Berlin, um dort sein Studium fortzusetzen. Zunächst wurde er für ein Semester in der Freien Wissenschaftlichen Vereinigung aktiv, die damals einen Gegenpol zum aufkommenden Antisemitismus in den Berliner Verbindungen darstellte. In seinen Erinnerungen schreibt Oppenheimer dazu: "...Ich war nämlich selbstverständlich der grollen Gegenorganisation beigetreten, die sich ihr Kriegslager und Hauptquartier an der Stechbahn geschaffen hatte, der „Freien wissenschaftlichen Vereinigung“. Sie bestand aus jungen Leuten, die sich noch in ehrlicher Überzeugung zu den Anschauungen des bürgerlichen Liberalismus bekannten; unter ihnen waren natürlicherweise zahlreiche Juden. Ich wurde fast sofort der Fechtwart der damals mehrere hundert Köpfe zählenden Vereinigung und trat als einer ihrer Redner zum ersten Mal auf die Tribüne. ..." Wenig später wurde er in der Burschenschaft Hevellia aktiv, wie er in den Erinnerungen berichtet: "Nach einem ziemlich wilden Semester in diesem großen Verbande [F.W.V.]], dem ein starker politischer Idealismus geradeso Schwung verlieh wie dem gegnerischen „V. d. St.“, wurde ich wieder aktiv, und zwar bei der dem Eisenacher Deputiertenkonvent angeschlossenen Burschenschaft Hevellia, die mit meiner Freiburger Couleur in intimen Verkehrsbeziehungen stand. " Vermutlich sehen wir also Oppenheimer auf diesem Foto als Chargierten der Hevellia. Oppenheimer war insgesamt drei Jahre bei der Hevellia, spürte aber ein zunehmendes Unwohlsein, das er mit seinem Dasein als Jude verknüpfte. In den Erinnerungen liest sich das so: "Wenn ich mich dem Zwange nicht früher entzog, so trägt auch hier wieder meine Eigenschaft als Jude die Hauptverantwortung. Es ist uns ja fast unmöglich gemacht, uns „natürlich“ zu benehmen. Wir sind ja gezwungen, alles zur Gipfelleistung zu treiben, sei es Wissenschaft, sei es Sport, sei es die Betonung der Psychologie und Haltung einer Gruppe, in die wir irgendwie hineingeraten sind. Wir müssen uns ja, ob wir dessen bewußt sind oder nicht (und zumeist sind wir uns dessen bewußt), immer wieder als echte Zugehörige „legitimieren“, während der Nichtjude bis zum Beweise des Gegenteils ohne weiteres als legitimiert gilt. " Nach einer Mensur, die ihm die "...Sinnlosigkeit, ja Widersinnigkeit" des Geschehens verdeutlichte, zog Franz Oppenheimer die Konsequenzen. Er ließ sich inaktivieren und konzentrierte sich auf sein Studium.
"Meine Burschenschaft aber bestätigte mein tiefinnerstes Gefühl, indem sie im ersten Konvent, an dem ich nicht teilnahm, den Judenparagraphen einführte. Ich schickte daraufhin selbstverständlich mein Band ein, und so endete diese Episode, wie sie enden mußte. ..."
Quelle:
Franz Oppenheimer: Erlebtes, Erstrebtes, Erreichtes Lebenserinnerungen. Hrsg. von Ludwig Yehuda Oppenheimer. 2. Aufl., Joseph Melzer, Düsseldorf 1964. S. 72 ff
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