2000_564_0a
2000/564/0
Judaica/Angewandte Kunst
Steingut, gebrannt, glasiert
Marktredwitz, Oberfranken ca. 1947 - 1948
2,9 × 25,9 cm
"JOINT"; Hebräisch: "Religionsbüro / Aus den Lagern in die Freiheit / Dieses Jahr in Jerusalem." (S. Beschreibung)
Stempel auf der Unterseite: Im Zentrum: „EMPLOYMENT BOARD“ Umlaufend: „תוצרת שארית הפליטה בגלות גרמניה“ („Tozeret Sche'erit ha-Pleita be-galut Germania“; Hergestellt vom Überrest der Geretteten in der deutschen Diaspora).
Vgl. Tobias, Jim G.: Von Marktredwitz aus in die jüdische Welt. In: Frankenpost, 21. Dezember 2022. [Online unter: frankenpost.de]; Rosen, Mark S.: Mission, Meaning and Money: How the Joint Distribution Committee became a Fundraising Innovator. Universe, 2010, S. 53-54.
Schenkung des Jeanette-Wolff-Heims
Runder Teller mit blassblauer Glasur. Der Fond weist sechs ovale Vertiefungen für die symbolischen Sederspeisen auf. Die Fahne ist mit zwei gegenüberliegenden Reliefdarstellungen sowie einer Kartusche versehen:
- Sklavenarbeit: Darstellung dreier Personen vor einer Pyramide; eine Figur mit Peitsche treibt zwei Lastenträger bzw. eine Person mit Schubkarre an.
- Stadtansicht: Eine Stadtansicht mit für das Britische Mandatsgebiet Palästina / Erez Jisrael charakteristischen Kuppelbauten und Palmen.
- Inschriften: Eine voluten gerahmte Kartusche trägt die lateinische Aufschrift „JOINT“ sowie die hebräische Bezeichnung „משרד דתי“ („Misrad dati“; Religionsbüro). Auf der Tellerfahne steht die Inschrift: „מעבדות לחרות / בשנה הזאת בירושלים“ („Me-awdut le-cherut / ba-schana ha-zot bi-Jerushalajim“; Von der Sklaverei zur Freiheit / Dieses Jahr in Jerusalem).

Der Joint (American Jewish Joint Distribution Committee) ist eine 1914 gegründete Wohltätigkeitsorganisation, die Juden während des Ersten Weltkriegs unterstützte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs richtete der Joint verschiedene DP-Lager (Displaced Persons) in Deutschland und anderen Ländern ein. In diesen Lagern wurden Programme angeboten, die den Wiederaufbau der jüdischen Identität fördern und den Teilnehmern Fähigkeiten für den Einstieg in den Arbeitsmarkt vermitteln sollten. Dazu gehörte auch die Herstellung von Keramik. Außerdem wurden kulturelle Inhalte vermittelt, um die Teilnehmer auf die Emigration nach Britisch-Palästina/Erez Jisrael (ארץ ישראל / Land Israel) vorzubereiten. Die Inschrift des Tellers variiert die traditionelle Liturgie der Haggada. Während der Seder üblicherweise mit dem Wunsch „לשנה הבאה בירושלים“ („Le-schana ha-ba'a bi-Jeruschalajim; Nächstes Jahr in Jerusalem) schließt, ersetzt dieser Teller das „Nächste Jahr“ durch den Begriff „הזאת" (Ha-zot; dieses Jahr/jetzt). Diese ungewöhnliche Formulierung verdeutlicht die akute politische Forderung nach einer unmittelbaren Auswanderung aus den DP-Lagern nach Jerusalem. Solche Seder-Teller wurden in hohen Stückzahlen für die Verteilung in den DP-Lagern produziert, wobei die Lagerinsassen teilweise direkt an der Herstellung beteiligt waren. So wurden beispielsweise in einer Keramikwerkstatt in Marktredwitz (Bayern) Seder-Teller für die Pessachfeiern des Jahres 1948 hergestellt und an verschiedene DP-Lager in Deutschland verteilt.

Der Stempel des „Employment Board“ auf der Rückseite belegt zudem die organisierte handwerkliche Produktion durch die „שארית הפליטה“ (Sche'erit ha-Pleita), die Gemeinschaft der Überlebenden in der unmittelbaren Nachkriegszeit (s. Signatur).

Ted Comet (AJDC) initiierte 1996 eine limitierte Wiederauflage der Teller, von der nur 200 Exemplare gefertigt wurden. Diese Serie wurde als Anerkennung an Mitglieder der Felix M. Warburg Society vergeben, die dem JDC eine Spende von $250.000 oder mehr zugesagt hatten.

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