Lucie Zemmrich
Lucie Watter
Berlin 27.08.1913
Berlin 17.07.1987
- Konvolut 0581.01.01.01: Lucie Zemmrich geb. Watter - Lebensdokumente - Lebensläufe;
- Konvolut 0581.01.01.02: Lucie Zemmrich geb. Watter - Lebensdokumente - Lebensurkunden;
- Konvolut 0581.01.02: Lucie Zemmrich geb. Watter - Ausbildung und Beruf;
- Konvolut 0581.01.03.01: Lucie Zemmrich geb. Watter - NS-Zeit - Eheerlaubnis;
- Konvolut 0581.01.03.02: Lucie Zemmrich geb. Watter - NS-Zeit - Arbeitserlaubnis und Zwangsarbeit;
- Konvolut 0581.01.03.03: Lucie Zemmrich geb. Watter - NS-Zeit - Sonstiges;
- Konvolut 0581.01.04: Lucie Zemmrich geb. Watter - Restitution;
- Konvolut 0581.01.05: Lucie Zemmrich geb. Watter - Korrespondenz;
- Konvolut 0581.01.06.01: Lucie Zemmrich geb. Watter - Organisationen und Vereine - Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN);
- Konvolut 0581.01.06.02: Lucie Zemmrich geb. Watter - Organisationen und Vereine - Bund der Verfolgten des Naziregimes (BVN);
- Konvolut 0581.01.07: Lucie Zemmrich geb. Watter - Haushalt;
- Sammlung Lucie Zemmrich geb. Watter;
- Lucie Zemmrich (1913-1987) mit unbekannten Personen;
- Konfirmationskrone von Lucie Watter (1913-1987);
- Anstecker zur Konfirmation von Lucie Watter (1913-1987)
Lucie
Zemmrich geb. Watter
wurde am 27. August 1913 in Berlin geboren. Ihr Vater war der – aus dem
Habsburgerreich stammende – Tapezierer Josef Watter und dessen Ehefrau Else
geb. Modrzynski, die aus Berlin stammte. Als Lucie Watter acht Jahre alt war,
starb ihr Vater. Von Oktober 1919 bis September 1927 besuchte sie die
Volksschule. Danach absolvierte sie von 1928 bis 1930 eine kaufmännische
Ausbildung als Bürolehrling im Ärztehaus Berlin. Anschließend arbeitete sie bis
November 1936 als Stenotypistin bei der Ärztlichen Verrechnungsstelle Berlin. Durch
die Wiederheirat ihrer Mutter 1931 wurde sowohl ihre Mutter als auch Lucie
Watter selbst deutsche Staatsangehörige. Nach der nationalsozialistischen
Machtübernahme verlor sie diese wieder und war fortan „staatenlos“. Sie trat am
20. Dezember 1933 „aus dem Judentum“ aus. Der Austritt wurde zum 30. Januar
1934 rechtskräftig. Am 3. Juni 1934 ließ sie sich in der Evangelischen
Erlöserkirche in Lichtenberg taufen. Dies konnte aber nichts daran ändern, dass
sie entsprechend der rassistischen Definition der Nationalsozialisten zunächst
als „Geltungsjüdin“ und dann als „jüdischer Mischling I. Grades“ galt. Anfang
der 1930er Jahre lernte sie Erich (Friedrich) Reichenbach kennen, der am
7. November 1911 als Sohn von Friedrich August Reichenbach und Anna Paulina
geb. Deutschmann geboren worden war. Die beiden verlobten sich und wollten
heiraten. Doch da sie „staatenlos“ war und es sich deshalb um eine
„Ausländerehe“ handelte, gestaltete es sich als schwierig, die notwendigen
Papiere zu beschaffen. Man verlangte von Lucie Watter ein ausländisches Ehefähigkeitszeugnis,
doch die von den rumänischen Behörden 1933 erstellte Bescheinigung wurde vom
Standesamt Berlin-Lichtenberg aus formalen Gründen nicht akzeptiert. Kurze Zeit
später traten die Nürnberger Rassegesetze 1935 in Kraft. Da Erich Reichenbach
„deutschblütig“ und „deutscher Staatsangehöriger“, sie aber „Mischling 1.
Grades“ und „staatenlos“ war, beantragte das Paar am 23. Juni 1936 bei den
zuständigen Reichsbehörden, heiraten zu dürfen. Doch auf Anordnung des
Reichsministeriums des Innern wurde ihnen unter Verweis auf das
Blutschutzgesetz die Eheschließung untersagt. Erich Reichenbach, der offenbar
Kommunist war, wurde 1938 sogar wegen „Rassenschande“ verhaftet. Nach drei
Tagen wurde er wieder entlassen. Das Paar musste sich dem Druck beugen und trennte
sich schließlich. Am
15. November 1936 endete die berufliche Tätigkeit von Lucie Watter für die
Ärztliche Verrechnungsstelle jäh, da das Arbeitsamt eine Weiterbeschäftigung
mit sofortiger Wirkung verbot. Sie stellte einen Antrag auf Erteilung der Arbeitserlaubnis,
doch das Landesarbeitsamt lehnte dies unter Strafandrohung ab. Sie war
daraufhin über ein halbes Jahr arbeitslos. Ab Juni 1937 war sie Arbeiterin in
der Dampfwäscherei Herber in Berlin-Stralau. Da sie gesundheitlich angeschlagen
war, setzte sich ihr nichtjüdischer Großvater mütterlicherseits für sie ein und
erreichte, dass sie einen neuen Arbeitsplatz bekam: Von März 1939 bis Juni 1943
war sie als Maschinenschreiberin bei Patentberichterstatter Johannes Schulze in
Berlin beschäftigt. Nach ihrer Entlassung war sie von Juli 1943 bis November 1944
als Kontoristin in der Buchhandlung Speyer & Peters (Unter den Linden 47)
angestellt. Hier lernte sie vermutlich Hans Zemmrich, ihren späteren
Ehemann kennen. Er arbeitete seit 1937 als Kraftfahrer für die Buchhandlung. Im
Juni 1942 bekam Lucie Watter einen Fremdenpass ausgestellt, dessen Gültigkeit
sie – genauso wie die „Aufenthaltserlaubnis für das Reichsgebiet“ – jährlich
verlängern lassen musste. Bei einem dieser Termine auf dem Ausländeramt der
Polizei telefonierte der Polizeibeamte in ihrem Beisein mit der Gestapo und
erkundigte sich, warum sie noch nicht deportiert sei. Am 22. Januar 1945 wurde
sie dienstverpflichtet und musste bis zum 28. März bei der Firma Salamander
arbeiten. Hans Zemmrich wurde am 12. Februar 1945 durch die Gestapo verhaftet
und man beschuldigte ihn u.a. „staatsfeindlicher Äußerungen“, der „Judenfreundlichkeit“
sowie des verbotenen Verkehrs mit einer „Halbjüdin“. Ihm gelang jedoch die
Flucht aus der Haft während eines Fliegeralarms und er versteckte sich bis zur
Befreiung durch die Rote Armee. Lucie Watter wurde von der Gestapo zwischen dem
5. März und dem 20. April 1945 täglich verhört, um seinen Aufenthaltsort in
Erfahrung zu bringen. Die Verfolgung endete erst mit der Befreiung vom
NS-Regime. Lucie
Watter und Hans Zemmrich heirateten am 26. Mai 1945 in Berlin. Das Paar wohnte
in der Dirschauer Straße 7 in Berlin-Lichtenberg. Hans Zemmrich war unmittelbar
nach dem Krieg als Hilfspolizist eingesetzt und meldete später ein Gewerbe als
Fuhrunternehmer an. Ab 1946 war Lucie Zemmrich bei der Evangelischen
Hilfsstelle (Büro Pfarrer Grüber) registriert. 1951 beantragte sie beim
Hauptamt „Opfer des Faschismus“ ihre Anerkennung als VdN. Da sie aber kürzer
als ein halbes Jahr dienstverpflichtet war, wurde ihr Antrag abgelehnt. Darauf
erhob sie Einspruch und beschrieb die vielfältige Diskriminierung und
Verfolgung, die sie in der NS-Zeit erlitten hatte. Zwei Jahre vor dem Mauerbau zogen
die Zemmrichs am 23. August 1959 von Ost- nach West-Berlin. Sie wohnten fortan
in der Bernburger Straße 33. Ihr Antrag, als „Sowjetzonenflüchtlinge“ anerkannt
zu werden, wurde negativ beschieden. Das Bezirksamt Kreuzberg behauptete, sie
seien aus rein „wirtschaftlichen Gründen“ übergesiedelt. 1965 trat Lucie
Zemmrich dem Bund der Verfolgten des Naziregimes (BVN) mit Sitz in
Berlin-Charlottenburg bei. Das Ehepaar wohnte in der Kolonnenstraße 18 in
Berlin-Schöneberg. Am 17. Juli 1987 starb Lucie Zemmrich im Krankenhaus in
Berlin-Wilmersdorf nach schwerer Krankheit. Ihre letzte Ruhe fand sie auf dem
12-Apostel-Friedhof in Berlin-Schöneberg.
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