Lucie Zemmrich

Lucie Watter
Berlin 27.08.1913
Berlin 17.07.1987
Lucie Zemmrich geb. Watter wurde am 27. August 1913 in Berlin geboren. Ihr Vater war der – aus dem Habsburgerreich stammende – Tapezierer Josef Watter und dessen Ehefrau Else geb. Modrzynski, die aus Berlin stammte. Als Lucie Watter acht Jahre alt war, starb ihr Vater. Von Oktober 1919 bis September 1927 besuchte sie die Volksschule. Danach absolvierte sie von 1928 bis 1930 eine kaufmännische Ausbildung als Bürolehrling im Ärztehaus Berlin. Anschließend arbeitete sie bis November 1936 als Stenotypistin bei der Ärztlichen Verrechnungsstelle Berlin. Durch die Wiederheirat ihrer Mutter 1931 wurde sowohl ihre Mutter als auch Lucie Watter selbst deutsche Staatsangehörige. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verlor sie diese wieder und war fortan „staatenlos“. Sie trat am 20. Dezember 1933 „aus dem Judentum“ aus. Der Austritt wurde zum 30. Januar 1934 rechtskräftig. Am 3. Juni 1934 ließ sie sich in der Evangelischen Erlöserkirche in Lichtenberg taufen. Dies konnte aber nichts daran ändern, dass sie entsprechend der rassistischen Definition der Nationalsozialisten zunächst als „Geltungsjüdin“ und dann als „jüdischer Mischling I. Grades“ galt. Anfang der 1930er Jahre lernte sie Erich (Friedrich) Reichenbach kennen, der am 7. November 1911 als Sohn von Friedrich August Reichenbach und Anna Paulina geb. Deutschmann geboren worden war. Die beiden verlobten sich und wollten heiraten. Doch da sie „staatenlos“ war und es sich deshalb um eine „Ausländerehe“ handelte, gestaltete es sich als schwierig, die notwendigen Papiere zu beschaffen. Man verlangte von Lucie Watter ein ausländisches Ehefähigkeitszeugnis, doch die von den rumänischen Behörden 1933 erstellte Bescheinigung wurde vom Standesamt Berlin-Lichtenberg aus formalen Gründen nicht akzeptiert. Kurze Zeit später traten die Nürnberger Rassegesetze 1935 in Kraft. Da Erich Reichenbach „deutschblütig“ und „deutscher Staatsangehöriger“, sie aber „Mischling 1. Grades“ und „staatenlos“ war, beantragte das Paar am 23. Juni 1936 bei den zuständigen Reichsbehörden, heiraten zu dürfen. Doch auf Anordnung des Reichsministeriums des Innern wurde ihnen unter Verweis auf das Blutschutzgesetz die Eheschließung untersagt. Erich Reichenbach, der offenbar Kommunist war, wurde 1938 sogar wegen „Rassenschande“ verhaftet. Nach drei Tagen wurde er wieder entlassen. Das Paar musste sich dem Druck beugen und trennte sich schließlich. Am 15. November 1936 endete die berufliche Tätigkeit von Lucie Watter für die Ärztliche Verrechnungsstelle jäh, da das Arbeitsamt eine Weiterbeschäftigung mit sofortiger Wirkung verbot. Sie stellte einen Antrag auf Erteilung der Arbeitserlaubnis, doch das Landesarbeitsamt lehnte dies unter Strafandrohung ab. Sie war daraufhin über ein halbes Jahr arbeitslos. Ab Juni 1937 war sie Arbeiterin in der Dampfwäscherei Herber in Berlin-Stralau. Da sie gesundheitlich angeschlagen war, setzte sich ihr nichtjüdischer Großvater mütterlicherseits für sie ein und erreichte, dass sie einen neuen Arbeitsplatz bekam: Von März 1939 bis Juni 1943 war sie als Maschinenschreiberin bei Patentberichterstatter Johannes Schulze in Berlin beschäftigt. Nach ihrer Entlassung war sie von Juli 1943 bis November 1944 als Kontoristin in der Buchhandlung Speyer & Peters (Unter den Linden 47) angestellt. Hier lernte sie vermutlich Hans Zemmrich, ihren späteren Ehemann kennen. Er arbeitete seit 1937 als Kraftfahrer für die Buchhandlung. Im Juni 1942 bekam Lucie Watter einen Fremdenpass ausgestellt, dessen Gültigkeit sie – genauso wie die „Aufenthaltserlaubnis für das Reichsgebiet“ – jährlich verlängern lassen musste. Bei einem dieser Termine auf dem Ausländeramt der Polizei telefonierte der Polizeibeamte in ihrem Beisein mit der Gestapo und erkundigte sich, warum sie noch nicht deportiert sei. Am 22. Januar 1945 wurde sie dienstverpflichtet und musste bis zum 28. März bei der Firma Salamander arbeiten. Hans Zemmrich wurde am 12. Februar 1945 durch die Gestapo verhaftet und man beschuldigte ihn u.a. „staatsfeindlicher Äußerungen“, der „Judenfreundlichkeit“ sowie des verbotenen Verkehrs mit einer „Halbjüdin“. Ihm gelang jedoch die Flucht aus der Haft während eines Fliegeralarms und er versteckte sich bis zur Befreiung durch die Rote Armee. Lucie Watter wurde von der Gestapo zwischen dem 5. März und dem 20. April 1945 täglich verhört, um seinen Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen. Die Verfolgung endete erst mit der Befreiung vom NS-Regime. Lucie Watter und Hans Zemmrich heirateten am 26. Mai 1945 in Berlin. Das Paar wohnte in der Dirschauer Straße 7 in Berlin-Lichtenberg. Hans Zemmrich war unmittelbar nach dem Krieg als Hilfspolizist eingesetzt und meldete später ein Gewerbe als Fuhrunternehmer an. Ab 1946 war Lucie Zemmrich bei der Evangelischen Hilfsstelle (Büro Pfarrer Grüber) registriert. 1951 beantragte sie beim Hauptamt „Opfer des Faschismus“ ihre Anerkennung als VdN. Da sie aber kürzer als ein halbes Jahr dienstverpflichtet war, wurde ihr Antrag abgelehnt. Darauf erhob sie Einspruch und beschrieb die vielfältige Diskriminierung und Verfolgung, die sie in der NS-Zeit erlitten hatte. Zwei Jahre vor dem Mauerbau zogen die Zemmrichs am 23. August 1959 von Ost- nach West-Berlin. Sie wohnten fortan in der Bernburger Straße 33. Ihr Antrag, als „Sowjetzonenflüchtlinge“ anerkannt zu werden, wurde negativ beschieden. Das Bezirksamt Kreuzberg behauptete, sie seien aus rein „wirtschaftlichen Gründen“ übergesiedelt. 1965 trat Lucie Zemmrich dem Bund der Verfolgten des Naziregimes (BVN) mit Sitz in Berlin-Charlottenburg bei. Das Ehepaar wohnte in der Kolonnenstraße 18 in Berlin-Schöneberg. Am 17. Juli 1987 starb Lucie Zemmrich im Krankenhaus in Berlin-Wilmersdorf nach schwerer Krankheit. Ihre letzte Ruhe fand sie auf dem 12-Apostel-Friedhof in Berlin-Schöneberg.
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