2006/74/47
Judaica/Angewandte Kunst
Steingut, glasiert
Marwitz bei Berlin laut Fabrikmarke 1923 bis 1932
Höhe: 14.5 cm Breite: 22 cm Tiefe: 9 cm
Auf der Unterseite, in schwarz: Pinselmarke der Haël-Werkstätten; "L 16" oder "L 46"
Krüger, Maren: "Achtung, Zerbrechlich!", in: Museumsjournal "Zwei", Nr.7, 2008 (mit Abb.). Krüger, Maren: Keramik aus den Haël-Werkstätten, in: Jüdisches Museum Berlin (Hg.): gesammelt gefaltet gezählt. "7x blau-weiß", Berlin 2009 (mit Abb.). Vergleichsobjekt: Haël-Werkstätten, Verkaufskatalog um 1930, Kanne aus dem Teeservice, S. 6, Abb. Nr.: 446. Patrick Rössler, Elizabeth Otto, Frauen am Bauhaus, Wegweisenden Künstlerinnen der Moderne, Knesebeck 2019, S. 41
Schenkung von Frances Marks
Auf einem schmalen, ovalen Standring ruht der brillant-weiß glasierte Hauptkorpus der Kanne. Die rund angelegte Grundform des Korpus ist durch zwei glattwandige, ovale Seitenflächen unterbrochen. Diese zwei Seitenflächen sind mit je zwei rosafarbenen und schwarzen Punkten dekoriert. Eine kurze Tülle befindet sich an der Vorderseite der Kanne. Die Tülle geht fließend in die abgeflachte Oberseite über, die an der Rückseite der Kanne in einen Bandhenkel ausläuft. Die Oberseite ist durch eine ovale Öffnung gegliedert, in die der Deckel der Kanne eingelassen ist. Auf dem Deckel befindet sich eine halbkreisförmige Vertiefung als Öffnungshilfe. Insgesamt wirkt die Form der Kanne durch einen prägnant von vorne nach hinten verlaufenden Neigungsgrad gekippt und asymmetrisch.

Diese Kanne, die die avantgardistische Formensprache des Kubismus und Art Déco aufgreift, wurde in den 1920er Jahren in den "Haël-Werkstätten für künstlerische Keramik" hergestellt. Sie wurde von den Nationalsozialisten explizit auf Grund ihrer modernen Formensprache angegriffen. Das nationalsozialistische Propagandablatt "Der Angriff" druckte 1935 eine Abbildung diese Kanne und weiterer Erzeugnisse der "Haël-Werkstätten" ab und bezeichnete sie als "Dinge für die Schreckenskammer".

Die "Haël-Werkstätten" wurden 1923 von der Keramikerin Margarete Heymann-Loebenstein gemeinsam mit ihrem Ehemann Gustav Loebenstein und dessen Bruder in einer alten Ofenfabrik bei Berlin gegründet. Der Name Haël setzte sich aus "H" für Heymann, dem Mädchennamen der Keramikerin, und "L" für Loebenstein zusammen. Margarete Heymann- Loebenstein oblag die künstlerische Leitung des Betriebs. Nachdem ihr Ehemann und dessen Bruder bei einem Autounfall ums Leben kamen, übernahm sie die gesamte Leitung des Betriebs. Moderne Formen, abstrakte Dekors und ungewöhnliche Glasuren waren das Markenzeichen der "Haël-Werkstätten".

Nach 1933 musste Margarete Heymann-Loebenstein, die doppelt als Jüdin und moderne Künstlerin von den Nationalsozialisten diffamiert wurde, die Produktion ihres Betriebs einstellen. Im Jahr 1934 wurden die Haël-Werkstätten arisiert, zwei Jahre darauf gelang der Keramikerin die Emigration nach England. In England setzte sie ihre künstlerische Tätigkeit fort, konnte jedoch nicht an ihre großen Erfolge in Deutschland anknüpfen. Nachdem die verwitwete Künstlerin 1938 erneut heiratete, nahm sie den Nachnamen "Marks" an. Sie starb im Jahr 1990 in London.

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