2006/74/51
Judaica/Angewandte Kunst
Steingut, glasiert
Marwitz 1923 bis 1933
Höhe: 10 cm Durchmesser: 15.5 cm
Auf der Unterseite, in blau: Pinselmarke der Haël-Werkstätten
Haël-Werkstätten, Verkaufskatalog um 1930, Nr. 448 (Abb.). Vergleichsobjekt: Bröhan-Museum: Avantgarde für den Alltag. Jüdische Keramikerinnen in Deutschland 1919-1933, Ausst.Kat., Berlin 1912, S. 63, Abb. 37.
Schenkung von Frances Marks
Das Gefäß ruht auf einem niedrigen Standring, von dem sich eine konische, becherförmige Wandung aufschwingt, die in einen leicht ausgestellten Rand mündet. Abwechselnd ragt aus der Wandung zu den gegenüberliegenden Seiten ein Halbrund nach außen hervor, so dass das Gefäß den Eindruck erweckt, aus verschieden übereinander gestapelten Schalen zu einer Form verschmolzen zu sein. Das Gefäß ist außen mit einer matten, beigefarbenen und innen mit einer gelben Glasur versehen.

Wie dem zeitgenössischen Verkaufskatalog zu entnehmen ist, verfügte dieses Gefäß ursprünglich über einen Deckel und fungierte als Tabakdose. Dieser Tabakdosentypus wurde in den 1920er Jahren in den "Haël-Werkstätten für künstlerische Keramik" hergestellt. Die "Haël-Werkstätten" wurden 1923 von der Keramikerin Margarete Heymann-Loebenstein gemeinsam mit ihrem Ehemann Gustav Loebenstein und dessen Bruder in einer alten Ofenfabrik bei Berlin gegründet. Der Name Haël setzte sich aus "H" für Heymann, dem Mädchennamen der Keramikerin, und "L" für Loebenstein zusammen. Margarete Heymann- Loebenstein oblag die künstlerische Leitung des Betriebs. Nachdem ihr Ehemann und dessen Bruder bei einem Autounfall ums Leben kamen, übernahm sie die gesamte Leitung des Betriebs. Moderne Formen, abstrakte Dekors und ungewöhnliche Glasuren waren das Markenzeichen der "Haël-Werkstätten".

Nach 1933 musste Margarete Heymann-Loebenstein, die doppelt als Jüdin und moderne Künstlerin von den Nationalsozialisten diffamiert wurde, die Produktion ihres Betriebs einstellen. Im Jahr 1934 wurden die Haël-Werkstätten arisiert, zwei Jahre darauf gelang der Keramikerin die Emigration nach England. In England setzte sie ihre künstlerische Tätigkeit fort, konnte jedoch nicht an ihre großen Erfolge in Deutschland anknüpfen. Nachdem die verwitwete Künstlerin 1938 erneut heiratete, nahm sie den Nachnamen "Marks" an. Sie starb im Jahr 1990 in London.

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